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Hyperkinetisches Syndrom (Kind)
Hyperkinetisches Syndrom (Kind): Diagnose
Hyperkinetisches Syndrom (Kind)
Syn.: Aufmerksamkeitsmangel-Syndrom
Definition
Verhaltensstörung, die durch eine Aufmerksamkeitsstörung (kurze Aufmerksamkeitsspanne, vermehrte Ablenkbarkeit) und mangelhafte Impulskontrolle, meist auch einen Überschuss an motorischer Aktivität gekennzeichnet ist und nicht durch bekannte psychiatrische Erkrankungen verursacht wird.
Häufigkeit
Nach amerikanischen Untersuchungen bei Schulkindern mindestens 2–4 %; starke Knabenwendigkeit (9:1)
Ätiopathogenese
Umstritten; zur Diskussion stehen
- organische Hirnschäden (z. B. durch pränatale Noxen, Geburtskomplikationen); wohl nur in seltenen Fällen beteiligt
- genetische Faktoren; scheinen nach verschiedenen Untersuchungen eine wichtige Rolle zu spielen
- Unverträglichkeitsreaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel(zusätze); derzeit in Erforschung
Primärdefekt möglicherweise Mangel an bestimmten Neurotransmittern (Dopaminstoffwechsel) oder verminderter cerebraler Glukosemetabolismus
Psychogene Faktoren wahrscheinlich eher modulierend als kausal beteiligt.
Anamnese
- Familienanamnese (bei Eltern und Geschwistern gehäuft hyperkinetisches Verhalten)
- Prä- und Perinatalanamnese, frühkindliche Entwicklung, frühkindliche Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Unruhe, Schlaf- und Essstörungen), Sauberkeitsentwicklung (häufig verzögert)
- Nahrungsmittelanamnese
- Sozial- und Schulverhalten
- Einschätzung der aktuellen Symptomatik und des Verlaufes durch Bezugspersonen (Eltern, Lehrer etc.) mittels standardisierter Skalen.
Symptome
- Hauptmerkmale (nach der Definition der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung)
- Aufmerksamkeitsstörung, gekennzeichnet durch eine abnorm kurze Aufmerksamkeitsspanne und vermehrte Ablenkbarkeit; obligat vorhanden
- Impulsivität, gekennzeichnet durch unüberlegtes und unorganisiertes Handeln, Planlosigkeit, häufigen Aktivitätswechsel, Unfähigkeit zu warten; obligat vorhanden
- Überaktivität; bei jungen Kindern v. a. im grobmotorischen Bereich als übermäßiger Bewegungsdrang (z. B. Laufen, Klettern), später eher im feinmotorischen Bereich in Form einer allgemeinen Ruhelosigkeit und "Zappligkeit"; häufig aber nicht obligat vorhanden
- Fakultative, assoziierte und sekundäre Symptome
- spezifische Teilleistungsstörungen (z. B. Legasthenie); Häufigkeit ca. 25 %
- Koordinationsstörungen (Feinmotorik, Gleichgewicht etc.)
- unangemessenes Sozialverhalten; kann sich z.B. äußern als Herrschsucht, störendes Verhalten, Aggressivität, Opposition gegen Vorschriften, Dissozialität, Delinquenz
- emotionale Probleme, z. B. in Form von starken Stimmungsschwankungen, niedriger Frustrationstoleranz, Reizbarkeit, Jähzorn; oft "unreife", nicht altersangemessene Reaktionen
Diagnostik
- Körperliche Untersuchung inkl. sorgfältigem neurologischem Status
- Symptomskala zur Primär- und Verlaufsbeurteilung
- Bei V. a. Teilleistungsstörung psychologische Untersuchung (IQ-Test, spezifische Tests)
- Bei V. a. Bleivergiftung Bleibestimmung in Blut oder Urin (gerichtsmedizinische oder toxikologische Laboratorien)
Differentialdiagnose
- Überschießende motorische Aktivität bei konstitutionell lebhaften Kindern (meist situationsabhängig, keine Aufmerksamkeitsstörung)
- Hyperkinetisches Verhalten bei geistiger Minderbegabung, Psychosen, Bleivergiftungen und manchen hirnorganischen Erkrankungen
Prognose
- Bei ca. 50 % der Patienten vollständige Normalisierung bis zur Pubertät, beim Rest Fortbestehen einzelner oder sämtlicher Symptome bis ins Erwachsenenalter
- Erhöhtes Unfallrisiko in jedem Lebensalter
- Bei Erwachsenen erhöhte Inzidenz von Selbstmordversuchen, unspezifischen psychiatrischen Symptomen, asozialem Verhalten und Suchtkrankheiten
Merke
- Motorische Überaktivität kein obligates Symptom
- In stark motivierenden Situationen (z. B. ärztliche Untersuchung) können Symptome kurzfristig unterdrückt werden; deshalb Gefahr der Fehleinschätzung.








